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Vom Banker zum Kuschler

Professionelles Kuscheln. Keine Erfindung, sondern Tatsache. In der heutigen Zeit zahlen Menschen fürs Kuscheln. Ein ehemaliger Bankangestellter hat Umarmungen zu seinem Beruf gemacht.

Seit dem 1. August hat Markus Mühlbacher seine eigene Kuscheloase. Als jahrelanger Anlageberater in einer leistungsorientierten Welt, hat er sein inneres Gleichgewicht verloren. Er bemerkt, dass er im Bereich Körperberührung und Körperarbeit ein grosses Defizit hat. Vor zwei Jahren begegnete er auf seinen Reisen einer Deutschen. Sie hat ihm empfohlen «mal zu kuscheln». Nach seinen ersten Zweifeln hat er doch eine Kuschelsession besucht und hatte ein Aha-Erlebnis. «Man bekommt ein neues Körpergefühl und findet zu sich selbst. Wie viel ich damit bei anderen bewirken kann und etwas mehr Menschlichkeit in den Alltag andere bringe, hat mir gezeigt, was für eine tolle Arbeit das ist», erklärt der Luzerner. In der Schweiz gäbe es leider noch keine entsprechende Ausbildung. Seine Ausbildung absolvierte er in Deutschland und bereicherte sie mit diversen zusätzlichen Weiterbildungen in psychologischen Themen.


Quelle: Isabelle Dahinden- Markus Mühlbacher

Ein menschliches Grundbedürfnis

Als Neukunde gibt es die Don’t- und Do-Liste zum Studieren. Die ersten zehn Minuten wird über das Befinden gesprochen. Welche Bedürfnisse hat man, wo steht man im Leben oder bestehen Schmerzen an Körperstellen. Wenn der Vertrag unterschrieben ist, steht dem Kuscheln nichts mehr im Weg. «Zu meiner Überraschung sind es vor allem Frauen, die in einer Partnerschaft leben und denen die Berührung, ohne Hintergedanken an Sex, fehlt», erzählt der Profikuschler. Der Psychologe Remo Maillart bestätigt die Wichtigkeit von Körperkontakt:«Jeder benötigt Zuneigung. Sei es als Form von Wertschätzung, Sex, oder eben kuscheln. Zärtlichkeit ist ein Grundbedürfnis. Schon bei Kindern, die keine Zuneigung oder Zärtlichkeit erleben, kann das als Erwachsener bis zu schweren Folgen mit sich ziehen». Markus Mühlbacher ist der Meinung, dass der beiläufige kurze Begrüssungs-Hug zu kurz sei, um das Bedürfnis zu stillen. «Die Kuschelsessions sind sehr unterschiedlich. Es wird geschwiegen, Intimes erzählt oder sogar geweint. Die Sitzung kann distanziert beginnen und endet in einem Kuschelknoten», erzählt der ehemalige Banker.


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Kuscheln mit Happy End?

Vorstellungen von intimen Berührungen sind fehl am Platz. Küsse, Hände unter der Kleidung oder Anfassen an Intimzonen sind ein absolutes Tabu. Trotzdem: «Je nach Befindlichkeit kann es beim Klientel zu sexuellen Energien kommen. «Als Profi spreche ich die Situation an und versuche die Spannung durch, z.B. einen Positionswechsel, zu lösen. Wenn es vom Gegenüber ignoriert wird, beende ich die Kuschelsession», sagt Markus Mühlbacher. Kuschelpositionen gehen von Händchen halten, über umarmen, bis zur Löffelchenstellung. Dazu dient das Kuschelsutra- Das Kamasutra des Kuschelns. Eine Weiterführung der körperlichen Nähe ist die Tantrische-Kuschelmassage, die er selbst erfunden habe. «In einem Tantra Grundkurs habe ich bemerkt, dass Tantra für mich zu viel ist, es jedoch schöne Energiesequenzen beinhaltet», sagt der Kuschler. Auf Wunsch der Klienten wird die Session beidseitig nackt durchgeführt. «Eine Berührung Haut auf Haut fühlt sich noch wesentlich intensiver und direkter an als eine, wo noch Kleidungsstücke dazwischen liegen. Für viele ist es eine neue und nicht für möglich gehaltene Erfahrung, weil eben auch in diesem Zustand die Berührungen absolut nicht-sexueller Natur sind», erklärt der tantrische Kenner. Überwinden muss sich Herr Mühlbacher bei seiner Arbeit nicht: «Ich nehme jede Person so an, wie sie ist und jeder hat etwas Schönes in sich.» Der ehemalige Anlageberater hat sein inneres Gleichgewicht wieder gefunden.

Joëlle Virginie Maillart, 19.11.2019