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Frühlingsputz der anderen Art

Mittagszeit an einem sonnigen Mittwoch. Normalerweise findet man in so einer Situation keine freie Sitzbank. Zur Zeit ist jedoch nichts normal.

Der Kaffee brodelt in der Kanne und füllt den Raum mit seinem Duft. Mit der Tasse, anstatt mit dem Take-Away-Pappbecher in der Hand, bin ich startklar für den Tag. Der Arbeitsweg hat sich zu meinem Vorteil verkürzt. Von der Küche ins Wohnzimmer ist es ein Katzensprung.

Menschenscheu

Die Massnahmen des Bundesrates befolge ich so gut es geht. Die Post muss dennoch abgeschickt und der Kühlschrank aufgefüllt werden. Freizeitanlagen und Gastronomien haben vorerst bis zum 19. April geschlossen. Die Grundversorgung ist jedoch sichergestellt. Im Treppenhaus kommt mir meine Nachbarin entgegen. Sie erschrickt und entschuldigt sich: «Man ist sich keine Menschen mehr gewohnt.» Auch wenn wir keinen Polizisten in unserem Treppenhaus erwarten, kreuzen wir uns mit dem verordneten Sicherheitsabstand. Ansammlungen von weniger als fünf Personen sind erlaubt, jedoch muss einen Abstand von zwei Metern eingehalten werden. Wer das nicht macht, kann von der Polizei mit 100 Schweizer Franken gebüsst werden. Die Massnahmen unseres Bundesrates sind noch nicht so einschneidend wie in Frankreich. Wir dürfen uns mehr als einen Kilometer von Zuhause entfernen, trotzdem ist die Welt da draussen im Moment nicht sehr einladend.

Zombiland

Die Strassen sind leer und die Stille umso grösser. Die Schaufenster der Geschäfte sind dunkel und trotz der wärmenden Sonne ist die Stimmung düster. Ohne Mundschutz und Handschuhe fühlt man sich beobachtet und verurteilt. Auf dem Weg zur Post sehe ich mal wieder Menschen. Es sind um einiges weniger als sonst, aber es gibt sie noch. Eine spontane Begegnung mit einem engen Freund wirft die Frage auf, wie man sich begrüssen soll. Die Freude über das Wiedersehen kann nicht mit einer innigen Umarmung ausgedrückt werden. Schon gar nicht, wenn die Polizei daneben steht. Es wird einem bewusst, wie wichtig der direkte soziale Kontakt ist. Da ist die Umstellung von Telefonaten zu Videochats nicht ausreichend.

Warteschlange vor dem Laden

Die Abläufe in der Post und den Lebensmittelläden sind strikt geregelt und lassen keinen Platz für Wohlbefinden. Ein älterer Herr mit grimmigem Blick steht vor der Postfiliale und gibt mit einem Nicken die Erlaubnis einzutreten. Die Geschäfte befolgen die Regel, dass nur noch eine begrenzte Anzahl Kunden auf einmal im Raum sein darf. Beim Coop-Eingang werde ich von einem jungen Zivildienstler begrüsst. Er weist auf das zu gebrauchende Desinfektionsmittel und einer dort liegenden Nummer hin. Man muss eine nehmen und beim Bezahlen an der Kasse abgeben. Nicht fürs Bingo spielen, sondern so wird kontrolliert, wie viele Konsumenten sich bereits im Laden befinden. Nebst der Sicherheit für die Kundschaft, solle damit auch den Mitarbeitern gedient sein. Die Verkäuferin an der Kasse findet das Ganze komisch. Auf meine Frage, ob sie sich sicherer fühle mit der Plexiglasscheibe an ihrem Kassenschalter, reagiert sie mit einem «Pff».

Schlummernder Frühling

Auf dem Weg nach Hause ist es nicht nur die fiese Biese, die das Frühlingsgefühl raubt, sondern vor allem die ungewisse Situation. Die eigenen vier Wände sind zur Zeit beengend, aber zugleich schenken sie Sicherheit. Die aktuellen Massnahmen bringen dennoch Positives mit sich. Sie geben viel Zeit, um zu Hause, aber auch um im eigenen Leben, aufzuräumen und auszumisten. Sie bringen Zeit, um sich mit vergessenen und unterdrückten Dingen zu befassen. Ein Frühlingsputz für die Seele.

Joëlle Virginie Maillart, 26.03.2020